Home Tattoo talk Tattoo Talk mit Sebastian Domaschke: Meine Anfänge waren laut, schrill und respektlos

Tattoo Talk mit Sebastian Domaschke: Meine Anfänge waren laut, schrill und respektlos

0
Tattoo Talk mit Sebastian Domaschke: Meine Anfänge waren laut, schrill und respektlos

Von Mimi Erhardt

Sebastian Domaschke ist so etwas wie der Tätowierer meines Vertrauens. Von ihm ließ ich mir den Hals tätowieren, die Hände, Schultern, Oberschenkel, ein Knie, Teile von Schienbein und Wade, Arschbacken, die Oberschenkelrückseite ist aktuell in Arbeit. Sebastian ist Jahrgang 1979, laut eigener Aussage geboren im Cottbusser Plattenbau-Ghetto. Der Vater zweier Teenager-Töchter lebt mit seiner Frau in Berlin-Friedrichshain, entspannt unter anderem bei Waldspaziergängen, Ecstatic Dance, Contact Improvisation, in der Sauna, beim Lesen und Malen. Seine charakteristischen Arbeiten erkennen seine Fans von Weitem. Wenn wir uns sehen, geht mir das Herz auf. Sebastian ist ein guter Freund geworden und gehört zu meiner Berliner Tätowier-Familie. Zeit, sich den Jungen für den KinKats Tattoo Talk zu schnappen.

Hi Sebastian. Du bist sowas wie ein stiller Star der Berliner Tätowierszene. Ich habe immer das Gefühl, dass du mit Werbung für deine Arbeiten eher zurückhaltend bist, trotzdem kennt dich jeder. Ich wurde sogar mal in der Ringbahn angesprochen, ob meine Halstattoos nicht von dir stammen. Wie nimmst du dich selbst wahr?

Sebastian Domaschke: „Solche Reaktionen sind für mich die wahre Wertschätzung. Besser als Herzen und Klicks auf Social Media. Ein schöner Nebeneffekt ist die Verbindung von Menschen miteinander. Ich nehme mich nach 20 Jahren Tätowieren langsam als Senior war. Was durch mein aktuelles 1:1 Tattoo Mentoring Angebot noch verstärkt wird. Es ist ein erfüllendes Gefühl, jüngeren Tätowierenden mit meiner Erfahrung behilflich zu sein. Gleichzeitig ist da aber auch ein Gefühl der Angst, nicht mehr im Zeitgeist zu sein und in der beruflichen Bedeutungslosigkeit zu versinken.

Sebastian Domaschke
Ein Backpiece von Sebastian Domaschke

Beschreibe deinen Tattoo-Stil, gerne auch, wie er sich über die Jahre entwickelt hat. Wie waren deine Anfänge als Tätowierer?

Sebastian Domaschke: „Meine stilistischen Anfänge waren laut, schrill, wild, respektlos, innovativ, und jede Tätowierung bestand aus mindestens 20 Farben und 20 Effekten. Es gibt auf Facebook irgendwo noch Ordner mit alten Tätowierungen von mir. Über die Jahre haben meine Arbeiten inhaltlich an Tiefgang bekommen, die Designs sind einfacher, gradliniger, ruhiger und geordneter geworden.“

Hattest du Angst, bevor du dein erstes Tattoo gestochen hast? 

Sebastian Domaschke: „Angst hatte ich nicht, da mein erster Kunde mein Freund Kevin war. Aber meine zwei Ausbilder Lutz Lehmann und Matthias Boettcher waren dabei und haben ordentlich abgefeiert, was meine Nervosität nicht gerade gelindert hat.“

Wie sahen deine ersten Versuche aus?

Sebastian Domaschke:Mickrig. Die Linien waren dünn und wackelig, und es hat ewig gedauert. Ich musste die ganze Tätowierung nochmal nachstechen. Jetzt sieht der Anker aber ganz gut aus.“

Der Berliner Tätowierer Sebastian Domaschke
Der Berliner Tätowierer Sebastian Domaschke

Du stehst heute für ganzheitliche Tätowierungen. Was bedeutet das – für dich und deine Kunden?

Sebastian Domaschke:Ganzheitliche Tätowierungen ist die Idee, die Tiefen des Tätowierens zu erforschen und zu praktizieren. Mir geht es darum, alle Komponenten dieses Rituals mit meinem Gegenüber zu erleben und Bewusstsein in alle unbewussten oder verborgenen Aspekte zu bringen. Für mich bedeutet es, dass ich meine Arbeit, den Raum, den ich als Gastgeber anbiete, bestmöglichst vorbereite. Wenn ich gut vorbereitet und frei von unnötigen Anspannungen bin, habe ich Kapazität, mein Gegenüber und seine Bedürfnisse ganz wahrzunehmen und darauf einzugehen. Mein Ziel ist es, den herausfordernden, schmerzhaften Prozess durch ein Gegengewicht in Balance zu bringen. Dieses Gegengewicht ist Achtsamkeit, Einfühlungsvermögen, eine wohlige und sichere Umgebung. Von meiner Kundschaft brauche ich dafür Zuverlässigkeit, Offenheit und Präsenz. Je mehr sie davon mitbringen, umso größer wird das gemeinsame Erlebnis.

Bei deinen Arbeiten habe ich oft das Gefühl, dass du sie gerne einem Thema unterordnest. Bei meinen frühen Tattoos von dir waren das Horoskope, später kam Tarot dazu, meine aktuellen Tattoos sind dem Thema griechische Mythologie gewidmet. Warum diese Schwerpunkte? Und würdest du mir auch ganz ohne Zuordnung zu einer Thematik einfach so etwas stechen, eine Gabel oder einen Fußball?

Sebastian Domaschke: „Gabel, ja. Fußball nein. Ich brauche immer einen persönlichen Bezug zum Thema, sonst kann ich meinen Teil des gemeinsamen künstlerischen Prozesses nicht starten. Ernährung interessiert mich, Fußball befindest sich außerhalb meiner Wahrnehmung. Ich habe immer wechselnde persönliche Forschungsgebiete für die mein Feuer brennt. Das ist im Moment tatsächlich Tarot und Mythologie. Diese Sujets sind Hilfsmittel, um mich und meine Mitmenschen besser zu verstehen und zu beschreiben. Wenn sich jemand selbst gut kennt und einfach von sich erzählt, brauche ich diese Hilfsmittel aber nicht unbedingt.“

Der Berliner Tätowierer Sebastian Domaschke hat seinen ganz eigenen Stil gefunden
Der Berliner Tätowierer Sebastian Domaschke hat seinen ganz eigenen Stil gefunden

Was macht dich als Mensch einzigartig?

Sebastian Domaschke: „Mein Karma, was ich mitbringe und abarbeiten werde.“

Meine frühen Tätowierungen von dir sind sehr bunt, vor einigen Jahren hast du manchen Farben wie zum Beispiel Rot abgeschworen. Heute ist deine charakteristische Farbpalette Erdfarben, sehr natürlich. Wie kam es zu dem Wandel? Und warum kein Rot mehr im Speziellen?

Sebastian Domaschke: „Das stammt sicherlich aus meinem Streben nach Ruhe. Braun und Ocker sind der Hautfarbe am nächsten. Ich kann mit ihnen farbige Tätowierungen anfertigen, welche sehr zurückgenommen und ruhig sind. Schwarze oder schwarz-graue Tätowierungen bloß für Leute, die schon eine farbige Sammlung haben oder wollen. Rot ist für mich sehr aggressiv und aufregend, die Farbe von Blut, Leidenschaft und Kampf. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was ich in meinem Leben anstrebe und in meinen Arbeiten spiegeln möchte.“

Du hast zusammen mit Polly Rausch einen Podcast, „Augen zu und durch“. Warum sollte ich den hören?

Sebastian Domaschke: „Du solltest ihn hören, wenn du am Leben und Wachstum von Künstlern interessiert bist. Wenn du dich selbst tätowieren lassen möchtest, ist es eine gute Gelegenheit, eine Tätowiererin oder einen Tätowierer kennenzulernen, bevor du einen Termin machst. Die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler kannst du dir ja bei Instagram anschauen, aber ob der Mensch hinter der Kunst auch zu dir passt, kannst du besser in unserem Podcast erfahren. Wenn du selber tätowierst, werden dir Tipps und wichtige Hintergrundinformationen deine Arbeiten verbessern und dein berufliches Wachstum erleichtern und beschleunigen. Und das alles noch kostenlos. Es ist meine Art, der Tätowierwelt etwas zurückzugeben, da ich früher viel von ihr genommen habe.“

Der Berliner Tätowierer Sebastian Domaschke hat seinen ganz eigenen Stil gefunden
Der Berliner Tätowierer setzt auf natürliche, erdige Farben und – unter anderem – Motive aus der Welt des Tarots oder der Mythologie

Was ist dir bei Sitzungen mit deinen Kunden wichtig?

Sebastian Domaschke: „Zuverlässigkeit. Da ich nicht so ein spontaner Mensch bin, mag ich es, wenn ich alles in Ruhe und langfristig planen und vorbereiten kann. Ich glaube, im Allgemeinen ist mir ein ruhiges, verbindenes, produktives gemeinsames Miteinander in schöner Atmosphäre wichtig.“

Lehnst du Anfragen auch ab, wenn ihr nicht überein kommt oder du die Pläne des Kunden nicht gut findest?

Sebastian Domaschke: „Ja. Ich biete vorher aber Alternativen an, und wenn es keinen gemeinsamen Nenner gibt, vermittle ich an Kolleginnen und Kollegen weiter.“

Hast du selbst Tattoo-Pläne für dich?

Sebastian Domaschke: „Ja, ich möchte meinen Bodysuit noch beenden. Es fehlen noch die schönsten Partien. Bauch, Rippen und Achseln. Ich freue mich sehr darauf.“

Fühlst du dich mit Tattoos selbstsicherer? Du sagtest mal zu mir, dass viele, die stark tätowiert sind, das als Schutz empfinden. Du auch?

Sebastian Domaschke: „Früher war es für mich ein wichtiges Mittel zur Abgrenzung und Behauptung gegenüber meinen Mitmenschen. Heute beziehe ich Selbstsicherheit aus mir heraus. Körperpsychotherapie, Meditation, Yoga und Breathwork sind die Techniken, die mir in den letzten Jahren dabei geholfen haben. Tätowierungen war aber mein erstes Hilfsmittel.“

Der Berliner Tätowierer Sebastian Domaschke hat seinen ganz eigenen Stil gefunden
Ein Herz für Tätowierungen

Wenn dein Leben ein 90er-Jahre-Highschool-Film wäre – welche Rolle wäre deine? Süßer Cheerleader, Outlaw oder Sportler?

Sebastian Domaschke: „Auf keinen Fall Anführer und Sportler. Also wohl eine gesunde Mischung aus süßem Cheerleader, Outlaw und Nerd.“

Sebastian Domaschke auf Instagram.

Hier geht es zu seinem Podcast „Augen zu und durch“.